Lichtverschmutzung und ihre Folgen für die Gesundheit

Lichtreizüberflutung! Zu den Folgen der Lichtverschmutzung gehört übrigens auch das Insektensterben. Laut verschiedenen Studien liegt die Insektensterblichkeit in Städten um bis zu 100-mal höher als auf dem Land.

Leuchtpaläste statt Sternenleuchten – die Lichtverschmutzung nimmt weltweit zu. Gemeint ist die Emission von künstlichem Licht mit teils dramatischen Folgen für die Gesundheit. | Bild: Beboy – fotolia

Die Lichtverschmutzung nimmt weltweit rapide zu. Den meisten Menschen ist der Blick auf die Milchstraße inzwischen versperrt. Auch die Gesundheit von Mensch und Tier leidet. Zu den Folgen der Lichtverschmutzung für Vögel und Insekten zählt beispielsweise eine Störung des Biorhythmus und ihres Navigationssystems. Auch Menschen sind betroffen: Die Dauerbeleuchtung könnte sich auf den Hormonhaushalt auswirken.

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2016 wurde der Weltatlas der Lichtverschmutzung „New World Atlas of Artificial Night Sky Brightness“ von einem internationalen Team von Wissenschaftlern herausgegeben. Er zeigt, dass mittlerweile mehr als 80 Prozent der Weltbevölkerung von Lichtverschmutzung betroffen sind. In Europa und den USA sind es sogar 99 Prozent. In Westeuropa sind damit wirklich dunkle Nachthimmel so gut wie ausgestorben. Kein Wunder, nimmt doch die künstlich geschaffene Lichtintensität und -ausbreitung jährlich um 2,2 Prozent zu.

Verschiedene Faktoren bedingen, wie hell es nachts wird. Das bitterarme Nordkorea hüllt sich zum Beispiel nachts in Dunkelheit, während Südkorea gleißend hell erleuchtet ist. Aber es gibt auch von der Wirtschaftskraft unabhängige Faktoren, wie die Kultur eines Landes. So sind Belgien, Italien und Spanien nachts taghell erleuchtet, während es in Deutschland noch vergleichsweise dunkel ist.

Manche Region werben gar mit dem Schutz vor Lichtverschmutzung als Argument für nachhaltigen Tourismus. Die Dunkelheit ist mittlerweile ein gefragtes Merkmal, um die Milchstraße betrachten zu können. Deutsche Regionen wie etwa die Rhön oder die Eifel zeigen, wie es geht. Auch in Norwegen, Schweden und Schottland sowie in Teilen Österreichs und den ländlichen Gebieten Spaniens ist es noch recht dunkel. Doch in weiten Teilen der Welt hat eine neue Technologie dafür gesorgt, dass die Lichtverschmutzung immer schneller ansteigt.

Was ist Lichtverschmutzung?

Einen gewichtigen Anteil an der rasanten Zunahme der Lichtverschmutzung hat die LED-Technologie. Die Langlebigkeit, erhöhte Helligkeit und große Sparsamkeit von LED-Leuchten verleitet Kommunen und Privatleute gleichermaßen dazu, möglichst jeden Flecken einer Urbanisation hell auszuleuchten. Dabei ersetzen LEDs meist nicht einfach nur die älteren Lampensysteme, sondern sie werden zusätzlich verbaut.

Die Lichtverschmutzung wird dabei durch ein weißeres Lichtspektrum gefördert, also kurzwelligeres, blaueres Licht. Hinzu kommt, dass bei der Stadtbeleuchtung immer noch viel zu selten auf einen günstigen Abstrahlwinkel geachtet wird. Das nach oben geleitete Streulicht wird von Staubpartikeln und Wolken über den größeren Städten nach unten zurückreflektiert und sorgt für die typische orange-rote Aura, die die Nacht zum Tag werden lässt. Der Forscher Fabio Falchi, der den Lichtverschmutzungsaltas mit entwickelt hat, gibt zu bedenken, dass ein sorgloser Umgang mit dem LED-Spektrum und den Beleuchtungsstärken zu einer Verdreifachung der Himmelsaufhellung führen könnte – selbst in wolkenlosen Nächten.

Folgen der Lichtverschmutzung für Tiere

Die Lichtverschmutzung hat teils verheerende Auswirkungen auf einige Tiere. Insbesondere sind nachtaktive Tiere betroffen, deren Biorhythmus und Orientierungssinn stark beeinträchtigt wird. So hat man zum Beispiel festgestellt, dass die Wanderung von Jung-Schildkröten gestört wird. Studien haben weiterhin ergeben, dass Zooplankton weniger dem Tag-Nacht-Rhythmus folgt, was möglicherweise ganze Nahrungsketten destabilisieren könnte. Mittlerweile zeigen neuere Forschungsergebnisse, dass das von Aussterben bedrohte Great Barrier Korallenriff in Australien sich bei Lichtverschmutzung schlechter fortpflanzen kann. Das Massenlaichen der Korallen ist abhängig von den Mondphasen. Die Ausrichtung an den Mondzyklen wird durch das künstliche Licht erschwert. Auch manche Pflanzen entwickeln weniger Blüten, wenn sie nachts künstlichem Licht ausgesetzt sind.

Lichtverschmutzung und Insekten

Besonders stark leiden nachtaktive Insekten unter den Folgen, etwa Motten. Für sie sind künstliche Lichtquellen eine unwiderstehliche Anziehungsquelle. Sie werden geblendet und flattern hilflos hinein, andere Insekten verwechseln die Lichtquellen hingegen mit Mond und Sternen, die sie normalerweise für die Navigation benötigen. Viele Insekten sterben dann vor Erschöpfung beim Dauerflug um die Lichtquelle herum oder werden zur leichten Beute ihrer Fressfeinde, etwa Fledermäuse. Laut verschiedenen Studien liegt die Insektensterblichkeit in Städten um bis zu 100-mal höher als auf dem Land. Das hat auch Folgen für die Pflanzenwelt, denn nachtaktive Insekten sind wichtige Bestäuber etlicher Gewächse, wie zum Beispiel Orchideen, Kakteen, Nelken und Korbblütler.

Gefährdet die Lichtverschmutzung die menschliche Gesundheit?

Die gesundheitsgefährdenden Effekte für den Menschen sind im Gegensatz zur Luftverschmutzung noch wenig verstanden. Zwar gibt es Studien, die einen Zusammenhang zwischen dem Grad der Lichtverschmutzung und vermehrten Fällen von Prostata- und Brustkrebs hergestellt haben. Da sich in Städten aber noch weitere Risikofaktoren für Krebs häufen, fehlt die kausale Beziehung.

Klar ist hingegen, dass eine für die Tageszeit unnatürliche Lichttemperatur und besonders Helligkeit während natürlicher Dunkelphasen den menschlichen Hormonhaushalt stören könnten. Die American Medical Association schätzt, dass LEDs den Biorhythmus fünfmal so stark stören können wie gelbliche Leuchten. Viele LEDs haben blaue Lichtanteile, wie es das Sonnenlicht in den Morgenstunden hat. Die Netzhaut enthält Sensorzellen, die das blaue Licht an das Gehirn als Tagessignal weiterleiten. Wer sich abends vermehrt bläulich-weißem Licht aussetzt, sorgt mitunter für eine Herunterregelung des Schlafhormons Melatonin und eine Erhöhung des Wach- und Stresshormons Cortisol. Dadurch wird die innere Uhr durcheinandergebracht.

Nicht Straßen brauchen Licht, sondern Verkehrsteilnehmer

Christopher Kyba, Physiker am Geoforschungszentrum Potsdam, plädiert für einen sparsameren und intelligenteren Einsatz von Straßenbeleuchtung. LEDs können präzise nach unten ausgerichtet werden und brauchen keine Aufwärmphase, sodass sie schnell an- und ausgeschaltet werden können. So könnte man Lichtsysteme installieren, die nur bei Bewegung eingeschaltet werden und möglichst wenig nach oben abstrahlen. Es ist aus Kybas Sicht sinnvoll, vor allem Gefahrenpunkte, wie Parkplätze, Kreuzungen, Fußwege und Radwege permanent zu beleuchten, jedoch nicht jede Straße. Statistische Hochrechnungen gehen davon aus, dass eine Stadt die Sichtbarkeit von derzeit 500 auf 1000 Sterne anheben könnte, wenn sie nur etwa zehn Euro pro Einwohner für ein intelligentes Beleuchtungssystem investieren würde.

Astronomen engagieren sich gegen Lichtverschmutzung

Astronomen haben es immer schwerer, die Sterne zu beobachten. Denn perfekte Bedingungen für Observatorien, wie sie in der Atacama-Wüste in Chile oder im Grand Canyon herrschen, werden selten. Die Initiative „Dark Sky“ wurde von der Vereinigung der Sternfreunde e.V. gegründet, um Gebiete zu bewahren, die noch dunkel genug sind, um einen unbehinderten Blick auf den Himmel zu erhalten. Daran beteiligen sich neben Astronomen auch Planetarien, Volkssternwarten und astronomische Vereine. Ziel ist aber nicht nur der Schutz der astronomischen Beobachtung. Auch nachtaktive Tiere wollen geschützt werden, und es wird Energie gespart.



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