Angst vor der Arbeit – ein Tabuthema

Angst vor der Arbeit ist für Betroffene und ihre Umgebung oftmals ein Tabuthema.

Der Arbeitsalltag birgt viele Situationen, die bei manchen Menschen Angstgefühle auslösen können.| Bild: contrastwerkstatt – Fotolia

In Krisenzeiten wächst die Angst, Fehler zu machen, Fehlentscheidungen zu treffen, Anforderungen nicht mehr zu genügen, vor dem Verlust des Arbeitsplatzes und vor einer ungewissen Zukunft. Sich die Angst vor der Arbeit nicht einzugestehen, sie zu verdrängen, erweist sich als kontraproduktiv. Unterdrückte Angst lähmt und Angst lässt Probleme größer und bedrohlicher erscheinen als sie sind.

Angst zu empfinden gehört zum emotionalen Repertoire des Menschen und ist zunächst ein wichtiges, das Überleben sicherndes Warnsignal. Bei Angst wird der Körper in einen Erregungszustand versetzt, um schnell reagieren zu können. Er wird für Kampf oder Flucht fit gemacht: das Herz schlägt schneller, der Blutdruck steigt, die Atmung wird schneller und die Sauerstoffzufuhr erhöht, die Muskulatur stärker durchblutet und angespannt. Folgen auf diese Anspannung jedoch weder Kampf noch Flucht, braucht der Körper eine ganze Weile, um wieder zur Ruhe zu kommen. Halten Ängste über einen längeren Zeitraum an, was bei Angst vor der Arbeit der Fall ist, kann dies nicht nur zu einem Gefühl der Handlungsunfähigkeit und Hilflosigkeit führen, sondern auch psychische oder körperliche Krankheiten verursachen.

Angst vor der Arbeit nicht unterdrücken

Für Angst vor der Arbeit gibt es viele Gründe: Mobbing, fehlende Anerkennung im Beruf, Versagensängste, Angst vor Autoritäten, betriebliche Umstrukturierungen, Überforderung, Arbeitsüberlastung oder gar finanzielle Engpässe in der Firma mit drohenden Entlassungen. Gleichgültig, ob es reale oder unbegründete Ängste sind, die Gedanken kreisen um sie. Betroffene leiden unter diesen Ängsten, verbergen sie jedoch meist vor anderen. Sie versuchen, sie zu verdrängen, und tun sich damit einen Bärendienst. Denn verdrängte Ängste werden immer größer und bedrohlicher. Sie beeinflussen nicht nur das Urteilsvermögen, sondern auch Leistungsfähigkeit, Konzentration und Entscheidungsvermögen. So hat die amerikanische, englische und kanadische Gemeinschaftsstudie von A. Mani et al. aus dem Jahr 2013 gezeigt, dass finanzielle Sorgen häufig zu Fehlentscheidungen führen. Wie viel stärker mag sich da Existenzangst auswirken? Unter Existenzangst leiden laut dem Wirtschaftmagazin Infoquelle 40 bis 68 Prozent der Arbeitnehmer in Deutschland. Der wirtschaftliche Schaden, der durch Angst am Arbeitsplatz entsteht, wird auf über 50 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt. Wissenschaftler der Fachhochschule Köln berechneten dazu die Kosten, die wochenlange Krankmeldungen, innere Kündigung, Missbrauch von Alkohol, Medikamenten und Drogen, Mobbing sowie angstbedingte Arbeitsstellenwechsel verursachen.

Sich der Angst stellen

Wissenschaftler der Universität Mannheim um den Psychologen Professor Georg W. Alpers vom Otto-Selz-Institut haben bei Menschen mit einer Spinnenphobie festgestellt, dass sie die Spinnen schneller, größer und bedrohlicher sehen als Menschen ohne Angst vor Spinnen. Außerdem ist aus der Psychologie bekannt, dass Vermeidungsstrategien die Angst vergrößern. Ein erster Schritt, Ängste zu überwinden ist daher, sie sich einzugestehen. Das Eingeständnis einer Angst ist bereits ein erster Schritt aus der Lähmung. Auch das Gespräch mit einer vertrauten Person kann hilfreich sein. Angst hat oftmals mehr mit dem Szenario zu tun, das wir aus einer Gefahr machen. Die Fragen danach, ob die Gefahr tatsächlich besteht und ob das Szenario auch realistisch ist, müssen daher als erstes beantwortet werden. Experten raten, eine Zeit lang ein Tagebuch zu führen, in das eingetragen wird, welche Situationen Unbehagen, Sorgen oder Angst auslösen. Auch die Beschäftigung damit, was im schlimmsten Fall geschehen kann, nimmt einen Teil der diffusen Angst. Und sie erlaubt die Hinterfragung, ob die schlimmstmögliche Konsequenz wirklich so verheerend ist.

Gegen Angst vor der Arbeit: Entspannung

Angst und Entspannung sind zwei entgegengesetzte Pole. Entspannungstechniken wie Yoga, autogenes Training oder die progressive Muskelrelaxation nach Jacobsen helfen ebenso wie sportliche Betätigung dabei, den körperlichen Stress, den Angst hervorruft, abzubauen. Nur im entspannten Zustand ist es möglich, sich produktiv mit der Angst vor der Arbeit zu beschäftigen und Strategien zu entwickeln, wie man sie überwinden kann. Und häufig wird man dabei entdecken, dass nicht die reale Situation furchteinflößend ist, sondern das, was wir daraus machen. Der antike Philosoph Epiktet hat vor über 2000 Jahren bereits erkannt: „Nicht die Umstände beunruhigen uns, sondern wie wir darüber denken.“

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